Tropenkrankheiten auch in Europa möglich

Tropenkrankheiten auch in Europa möglich

Tropenkrankheit Chagas

Alter Parasit, neue Probleme

Seit dem Frühjahr 2009 ist die Krankheit Chagas bekannt: Bislang gilt sie nur in Südamerika als echte Bedrohung. In Zukunft muss sich aber auch Europa mit der hinterhältigen Tropenkrankheit auseinandersetzen.

 

 

Trotz Behandlung auf der Intensivstation starb am 3. April 2009 das dritte Kind. Erst wenige Tage zuvor waren die Gesundheitsbehörden informiert worden, dass in Chichiriviche de la Costa seit Wochen eine rätselhafte Epidemie grassierte. Die Einwohner des kleinen Küstenorts im Westen Venezuelas waren verängstigt. Ostern, la Semana Santa, stand bevor, doch die erwarteten Feriengäste reisten vorsichtshalber gar nicht erst an. Mit Erbrechen, Fieber und Unwohlsein waren die Betroffenen in die Krankenhäuser eingeliefert worden; drei Lehrer und 47 Schüler der Schule Rómulo Monasterio, drei von ihnen waren inzwischen tot. Woran sie starben, das konnte Gesundheitsminister Jesús Mantilla am 4. April offiziell verkünden: Die Chagas-Krankheit suchte Chichiriviche heim, verunreinigter Guavensaft war die Infektionsquelle. Immerhin: Es bestand keine Gefahr einer unkontrollierbaren Ausbreitung.

Chagas wird nicht von Viren oder Bakterien ausgelöst, die mit jedem Atemluftwirbel ein weiteres Opfer infizieren können, sondern von parasitären Einzellern der Art Trypanosoma cruzi. Sie werden von Raubwanzen auf den Menschen übertragen. Normalerweise geschieht das, wenn die blutsaugenden Insekten, wie etwa Triatoma infestans oder Rhodnius prolixus, ihren Kot auf der menschlichen Haut hinterlassen. Ins Auge oder eine Wunde gerieben, können darin enthaltene Trypanosomen leicht den neuen Wirt erobern.

 

Krankheit in 21 Ländern angekommen

Die Tropenkrankheit ist vor allem in Südamerika verbreitet

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in Lateinamerika rund zehn Millionen Menschen mit Trypanosoma cruzi infiziert. Jährlich sterben etwa 10.000 an der Tropenkrankheit, über die der brasilianische Arzt Carlos Ribeiro Justiniano Chagas 1909 als Erster berichtete. Er sollte sich der Malaria-Epidemie in der Gegend von Lassance widmen, als ihn seine Untersuchungen von Raubwanzen, in Brasilien "barbeiros" (Barbier) genannt und "kissing bugs" im Englischen, auf die Spur eines noch unbekannten Erregers führten. Der Arzt erkannte die Verwandtschaft zu T. brucei, berüchtigt für die afrikanische Schlafkrankheit, und ähnlichen Parasiten. Schließlich gab der Fall eines zweijährigen Mädchens den Ausschlag für seine Entdeckung einer neuen, amerikanischen "Trypanosomiasis des Menschen". Heute ist die Krankheit in 21 Ländern endemisch.

Den Erreger benannte Chagas nach seinem Mentor, dem Mediziner Oswaldo Cruz; er selbst stand Namenspate für das Leiden, dessen Zusammenhänge er aufdeckte. Einzig die Rolle der Wanzen interpretierte Chagas falsch: Er vermutete die Übertragung beim Akt des Blutsaugens, wohingegen die Stichwunde tatsächlich nur eine mögliche Eintrittpforte darstellt für die Einzeller aus dem infektiösen Kot. Diese entwickeln sich im Menschen und anderen Säugetieren wie Opossum oder Gürteltier über verschiedene Zwischenstadien weiter.

Orale Infektion durch Säfte

 

Keines der Opfer in Chichiriviche de la Costa war offenbar von Wanzen malträtiert worden. Aber alle hatten Saft getrunken, dem nicht anzumerken war, dass dafür neben Früchten versehentlich auch ein paar Raubwanzen ausgepresst wurden. Frische Säfte aus Guaven, Zuckerrohr oder Açaibeeren sind in Südamerika beliebt. Dass ihr Genuss allerdings ein Risiko für die Chagas-Krankheit bedeuten kann, ist nicht allen Einheimischen und nur den wenigsten Touristen bekannt. Der Erreger kann zum Beispiel in der landestypischen "Garapa" lauern, einem Getränk, das in Brasilien schon 1965 ins Gerede kam: Knapp drei Wochen nach dem Konsum von diesem Zuckerrohrsaft waren mehrere akute Chagas-Fälle aufgetreten.

"Die orale Infektion hat mehr Bedeutung, als wir zunächst annehmen würden", sagt der Privatdozent August Stich von der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg. Der Tropenmediziner musste in Caracas bereits erleben, wie ein solcher Ausbruch in einer Schule mehrere Tote forderte. Man habe erst an einen bioterroristischen Anschlag geglaubt, da dort die Kinder der oberen Zehntausend unterrichtet werden. Dann stellte sich heraus, dass Guavensaft die Quelle war. Geliefert wurde dieser von Bauern, die den Fruchttrunk über Nacht in einem Kessel fermentieren ließen. In einer Scheune, beleuchtet von einer Glühbirne, die offenbar Raubwanzen anlockte. Für sie entpuppte sich die Flüssigkeit als Falle, regelmäßiges Umrühren erhöhte dann den Gehalt an Trypanosomen.

Lange Zeit hatte man die Chagas-Gefahr durch kontaminierte Nahrungsmittel unterschätzt und die Häufung seltsamer Erkrankungsfälle nicht als Mikroepidemie erkannt. "Inzwischen erhalten wir über unsere Netzwerke aber fast jeden Monat eine Meldung", sagt Stich. Je häufiger der Zusammenhang entdeckt wird, desto eher lässt sich diese Art der Übertragung unterbinden. "Sie existierte vermutlich schon immer, nur hatte man sie übersehen. Jetzt achten die Helfer bei der Malaria-Diagnostik unter dem Mikroskop verstärkt auf Trypanosomen", sagt Pedro Albajar Viñas von der WHO-Abteilung für vernachlässigte Tropenkrankheiten.

Gefahr besteht besonders in ländlichen Gebieten

Bayer stellt eines von zwei wirksamen Medikamenten her: Nifurtimox

In der akuten Krankheitsphase besteht immerhin die Chance einer Behandlung, für die allerdings lediglich zwei Medikamente in Frage kommen. Und daran wird sich in den nächsten zehn Jahren kaum etwas ändern, kein Wirkstoffkandidat ist in der Entwicklung. Der eine verfügbare, Nifurtimox, stammt von Bayer. Vor wenigen Wochen verlängerte der Pharmakonzern seine Kooperation mit der WHO von 2012 an um weitere fünf Jahre. Neben einer Spende von 2,5 Millionen Tabletten ist unter anderem eine finanzielle Unterstützung für die Logistik vorgesehen. "Pillen helfen wenig, wenn sie nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden", sagt Hiroki Nakatani, stellvertretender Generaldirektor der WHO. Man spreche sehr schnell über eine Eliminierung des Erregers, in erster Linie gehe es jedoch darum, die Krankheit unter Kontrolle zu bekommen. Die Herausforderung bestehe darin, die Fallzahlen möglichst niedrig zu halten. Sobald man etwa bei der Bekämpfung der Überträger nachlasse, würden diese wieder ansteigen. Chagas ist laut Nakatani ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die internationale Solidarität sei, um die Probleme armer Bevölkerungsschichten zu lösen. Denn die Raubwanzen spielen als Zwischenwirt und Überträger vor allem in ländlichen Gebieten eine Rolle.

Die akute Phase der Krankheit kann bei den Patienten ungefähr zwei Monate dauern. In diesem Intervall ist die Erkrankung heilbar, danach verbergen sich die Parasiten im Gewebe. Sie siedeln sich in Zellnestern entlang von Nervenbahnen an und lösen über die Jahre hinweg Organveränderungen aus. Je nach Erregerstamm sind entweder der Darm, der sich monströs zum sogenannter Megacolon ausweiten kann, die Speiseröhre oder das Herz in Mitleidenschaft gezogen. Dadurch wird die chronische Phase, die zehn bis dreißig Prozent der Infizierten mit unspezifischen Symptomen durchleiden müssen, zum gravierenden Problem. "Wenn ein Familienmitglied Chagas-Patient ist, ist die Familie zerstört", sagt Pedro Albajar Viñas. Nach einer Studie aus dem Jahr 2008 belaufen sich die Behandlungskosten für einen chronischen Patienten in Bolivien auf rund 1028 Dollar pro Jahr. Für das Gesundheitssystem bedeuten die chronisch Kranken eine Belastung von schätzungsweise 267 Millionen Dollar, obwohl fast ein Viertel der Betroffenen vermutlich keine medizinische Hilfe erhält.

Plötzlicher Herztod als Folge

Freßzelle (gelb) verschlingt Krankheitserreger

Über das private Schicksal hinaus treffen die ökonomischen Auswirkungen also die ganze Gesellschaft, unter anderem durch den Verlust an Arbeitskraft. Ist beispielsweise das Herz beeinträchtigt, lässt die Pumpleistung nach, es treten Rhythmusstörungen und Kammerflimmern auf. "Die Patienten, die ich sah, waren oft sehr junge Leute mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz und damit bei weitem nicht mehr so arbeitsfähig, wie es ihrem Alter entspräche", sagt August Stich. Nach geringer Anstrengung sind sie erschöpft, leiden unter Atemnot. Am Ende erwartet die Patienten ein plötzlicher Herztod.

Aus medizinhistorischer Sicht könnte auch Charles Darwin, der 1882 einem Herzversagen erlag, ein Opfer der Chagas-Krankheit geworden sein. Zwar litt der Evolutionsbiologe vermutlich an mehreren Erkrankungen gleichzeitig, doch ein Wanzenbiss ist in seinen Reiseaufzeichnungen zu Argentinien 1835 vermerkt, und Mediziner erklären heute einige seiner Symptome mit einer T. cruzi-Infektion.

Vielleicht wäre es dem Vater der Evolutionslehre ein schwacher Trost gewesen, dass ihn ausgerechnet Vertreter eines frühen Astes des "Tree of life" heimgesucht hatten. "Trypanosomen zählen als Protozoen zu den sehr alten Organismen und waren einst wohl Insekten-Parasiten, bevor sie Säugetiere infizierten", sagt Jamie Stevens von der Universität in Exeter. Stevens erforscht die Evolution dieser Einzeller anhand ihrer Erbinformationen. Während sich der Homo sapiens in Gegenwart von T. brucei in Afrika entwickelte, eroberte T. cruzi Südamerika lange vor den Menschen. Vor rund 100 Millionen Jahren trennten sich die beiden Einzeller-Spezies, doch Stevens fand Hinweise darauf, dass sich nahe Verwandte von T. cruzi nicht auf Süd- und Mittelamerika beschränken, sondern auch in Afrika und Europa zu finden sind, und zwar in Fledermäusen, die wohl auch deren Verbreitung vor rund fünf Millionen Jahren übernahmen.

Kein Grund eine Südamerikareise zu stonieren

Durch diese heimischen Vertreter drohte für Europäer bislang keine Gefahr. Doch auch die alte Welt ist heute nicht mehr vor Chagas gefeit. Mit der globalen Migration erreichte das Problem mittlerweile die Vereinigten Staaten und ebenso Europa, wo schätzungsweise 80.000 Infizierte leben. Hier existieren zwar keine Raubwanzen, stattdessen können die Trypanosomen über andere Wege von Mensch zu Mensch übertragen werden: durch Blut- und Organspenden oder von Mutter zu Kind. In Portugal, Spanien und Frankreich sind solche Fälle bereits aufgetreten. "Kollegen in Barcelona haben inzwischen Dutzende registriert und anhand dieser Zahlen hochgerechnet, dass Tausende von Patienten im Land zu vermuten sind, die bisher noch nicht entdeckt wurden", sagt Stich. Kinder, die sich im Mutterleib ansteckten, könnten immerhin behandelt und zu 90 Prozent geheilt werden.

Für eine 2010 in PLoS Neglected Tropical Diseases veröffentlichte Studie wurden 1012 lateinamerikanische Einwanderer in Genf untersucht. Bei 130 wurde Chagas diagnostiziert, 22 von ihnen hatten bereits Blut gespendet. Eine ähnlich hohe Rate von 12,8 Prozent wie in Genf wird für Deutschland, wo rund 55.000 Lateinamerikaner leben, nicht angenommen. Auch die von der WHO geschätzten zwei Prozent hält Stich für zu hoch. Mit einem Kollegen an der Berliner Charité würde er diese Zahl gern überprüfen. Und eines möchte er Reiselustigen noch mit auf den Weg geben: Touristen infizierten sich eher selten, Chagas sei jedenfalls kein Grund, eine Südamerikareise zu stornieren.

13.07.2011, 18:49 von Admin | 3069 Aufrufe
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